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Sonntagszeitung – überraschend überraschend.

 

Man muß sich darauf einlassen und man muß sich gerne darauf einlassen. In einer Zeit, in der die Informationsaufnahme von Suchmaschinen in die effiziente Form gebracht wird, ist die Lektüre der Sonntagszeitung vor diesem Hintergrund natürlich antiquiert. Mit Google finde ich schnell eine von mir gesuchte Information und vielleicht auf dem Weg zu der Information zusätzlich die eine oder andere interessante Information (je nach dem, wie offen man dafür ist). Die Sonntagszeitung ist dagegen erst mal eine Black Box in altertümlicher Papierform. Man muß sich dieser Sonntagszeitung mit Muße hingeben wollen. Beispielhaft nehmen wir die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19.10.2014.

 

 

Es ist gerade 9 Uhr, der Kaffee und die Brötchen von der Tankstelle stehen auf dem Tisch. Dazu die FAZ Sonntagszeitung. Gut, aufgrund des nach wie vor großen Formats der Zeitung muß man erstmal Platz auf dem Tisch machen. Dann sortiert man die Zeitung erstmal etwas, die verschiedenen Teile sind – wahrscheinlich produktionstechnisch bedingt – nicht lesefreundlich folgend. Wer jetzt ein Inhaltsverzeichnis sucht, der wird enttäuscht. Es gibt keines für die gesamte Zeitung. Auf dem Titel sind einige wenige Themen per Headlines erkennbar – ohne Seitenzahlenangabe. Dies ist nach meiner Auffassung ein Service am Leser, denn die Redaktion will niemanden in die Versuchung bringen gleich selektiv einzelne Artikel heraus zu picken. Selbstverständlich kann ich mir beim Sortieren der Zeitung die „Bücher“, d.h. die einzelnen Bereiche, nach meinen Präferenzen sortieren –erst den Sport, dann die Wirtschaft oder erstmal das Feuilleton…oder wie auch immer.

 

Nun, nach dem ausgedehnten fast zweistündigen Frühstück mit der FAZ Sonntagszeitung als Begleiter habe ich vieles gelesen, wonach ich sicherlich nicht unbedingt auf Google suchen würde. Im Politik-Teil ein interessanter Artikel über die IS-Kämpfer und deren Strategien…nicht alles neu, aber in der Komprimierung doch aufschlußreich. Ob mir der CDU-Mann Friedrich Merz nach dem Artikel über seine Wiederauferstehung im Politikapparat nun sympathischer ist oder das nur meine Politikverdrossenheit noch verstärkt hat, bleibt abzuwarten. Überraschend dagegen die Erkenntnis aus dem Artikel über das geänderte Verhältnis der Japaner zu Walen….nur noch vier Prozent der Japaner wollen Walfleisch essen, der große Rest will die Tiere lieber lebend bestaunen. Natürlich wird auf der „Meinungsseite“ auch die Ankündigung von Apple und Facebook, ihren Mitarbeiter-innen per Einfrieren von Eizellen die Karrierezeit zu verlängern, thematisiert.

 

Auf der ersten Seite des Sportteils keine Berichte über die Bundesliga. Überraschung. Der Sportteil macht dagegen mit einem Artikel über die Probleme von Flüchtlingen, sich in die Sport-/ Fußballvereine zu integrieren, auf. Man glaubt das kaum angesichts der Probleme der meisten Vereine, genügend Nachwuchs für sich zu begeistern. Danach natürlich Bundesliga und ein netter Artikel über Lukas Podolski. Hochintereesant der Artikel über das Marathon-Fieber. Erstmals las ich, dass man nicht nur einen Sohn gezeugt und einen Baum gepflanzt haben soll, bevor man das Zeitliche segnet, sondern auch mindestens einen Marathon gelaufen haben soll.     

 

Der Wirtschaftsteil startet mit einem Bericht über geheime Zypern-Protokolle der EZB. Etwas reißerisch, aber informativ. Neben weiteren Wirtschaftsnachrichten findet ein zweiseitiger Artikel mit Bildern über das neue EZB-Gebäude in Frankfurt meine Aufmerksamkeit. Immerhin wird daran versucht zu erklären, warum das Gebäude statt geplanten 850 Mill. € jetzt 1,3 Mrd. € kostet. Die ganzseitige Anzeige mit Lewis Hamilton und Nico Rosberg im Mercedes-Stern und ihrer Danksagung an das gesamte Team für den Konstrukteurs-Weltmeistertitel paßt dazu. Ein besonderer Highlight im Wirtschaftsteil ist ein Artikel über die Historie von Wirtschaftsreformen, startend im alten Preußen. Das Porträt des Chefs von UBER, Travis Kalanick, verschafft ein wenig Hintergrundwissen, auch wenn UBER dadurch nicht sympathischer wird.

 

Der Lokalteil Rhein-Main wird natürlich von Berichten zu den Feierlichkeiten 100 Jahre Goethe-Universtät geprägt. Interessant der Artikel über den Mäzen Giersch, dessen Stiftung das Giersch-Museum an die Universität übergibt. Dazu paßt auch der Sonderteil zur Eröffnung der Dependence des Museums für Moderne Kunst im Taunus Turm.

 

Das Feuilleton macht mit einem kritischen Artikel zum Einfrieren von Eizellen auf…eine gute Ergänzung des Artikels im Politikteil. Das Interview mit dem Schauspieler Al Pacino hätte ich beinahe zweimal gelesen…faszinierend. Der Artikel über das in Kürze auch in deutsch erscheinende Magazin WIRED macht neugierig. Dann vertieft man sich in einen Artikel über die Schauspielerin Diane Keaton. Hat ein bißchen was von Boulevard-Journalismus, aber ist lesenswert. Eine interessante Frau.

 

Last but not least der Reiseteil. Hier amüsiert ein locker geschriebener Artikel über den Marbella Club.

Fassen wir zusammen. Die Sonntagszeitung ist überraschend überraschend, wenn man sich Zeit nimmt und sich auf die Zeitung einläßt. Es ist die Erforschung Seite für Seite, die den Spaß und den Überraschungseffekt ausmacht. Und eines ist ganz sicher: Man hat gerade durch die Erforschung Seite für Seite etwas für sein Allgemeinwissen getan. Ganz ohne Anstrengung.  

20. Oktober 2014 von Mike Barowski (Creative Consultant, Opportunity Interactive Services GmbH)

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